Zum Buch: Zum Ende des 19. Jahrhunderts zeichnete sich in den damaligen Städten Rheydt und M.Gladbach ein bemerkenswertes Phänomen ab, so lässt es sich den Verwaltungsberichten der beiden Gemeinden entnehmen. Als eine Folge der industriell bedingten Zuwanderung wuchs die weibliche Bevölkerung auf dem Gebiet des heutigen Mönchengladbach stetig an und ließ den männlichen Bevölkerungsanteil bald hinter sich. Die M.Gladbacher Chronist*innen erfassten 1875 sogar um 32 Prozent mehr Frauen als Männer in ihrer Kommune. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache – Mönchengladbach, das sich in diesen Jahren von „einer kleinen Landstadt“ zum „Manchester am Niederrhein“ mauserte, entwickelte sich zu einer Stadt, in der weibliches Leben unübersehbar war. Junge Frauen, die in den Textilfabriken Arbeit fanden, bevölkerten die Straßen. Die Geschichte der Stadt Mönchengladbach ist eng mit der Textilindustrie verbunden und somit sind Leben und Wirken dieser, uns voran gegangenen Mönchengladbacherinnen, wichtige Säulen, auf denen sich unsere gegenwärtige Stadt stützen kann. Und doch spielen die Textilarbeiterinnen in unserer Erinnerungskultur nur eine untergeordnete Rolle. Es sind die sogenannten „Textilbarone“, denen die Mönchengladbacher*innen in vielfältiger Form ein Denkmal gesetzt haben. Ihnen und anderen bekannten Männern haben wir unsere Aufmerksamkeit gewidmet, etwa in Form von Straßennamen, Gebäuden oder Forschungsarbeiten. Warum ist das so? Sicherlich haben Frauen nur wenige schriftliche Zeugnisse hinterlassen. Das lässt sich aus ihrer gesellschaftlichen Position erklären, jedoch ebenso daraus, dass es in der Vergangenheit Mönchengladbacher Männer waren, denen in dieser Stadt politische Macht und Meinungshoheit zustanden. Frauen hatten lange Zeit, unabhängig von ihrer sozialen Zugehörigkeit, keinen Zutritt zu Macht und Herrschaft. Als handelnde Akteur*innen spielten sie nur eine geringe Rolle, bestenfalls wurden sie zu bemitleidens werten Opfern stilisiert. Die Folgen spüren wir bis heute, denn es besteht immer noch ein selten hinterfragtes Selbstverständnis darüber, was wichtig und erzählenswert ist. Die Frauen bilden in Mönchengladbach nach wie vor die zahlen mäßige Mehrheit, doch dieser Teil der Bevölkerung wird in unserer Wahrnehmung zumeist ausgeblendet. Unser Buchprojekt „Frauen und Mönchengladbach“ soll weibliches Leben und weibliche Lebensformen in Mönchengladbach sichtbar machen. Es erhebt nicht den Anspruch vollständig zu sein, viele erwähnenswerte Geschichten sind noch unerzählt geblieben. Die Autor*innen haben sich auf die Suche nach bekannten und weniger bekannten Frauen aus Vergangenheit und Gegenwart gemacht, die Mönchengladbach in vielfältiger Weise prägten und prägen. Quelle: https://www.kuehlen-verlag.de/author/Boland%2C%20K./
Vorwort: Die Portraitierten Personen und die Zitate sind bis auf eines bewusst zum Schutz der Personen unsortiert, nicht zugeordnet und bilden einen Erfahrungsraum.
Die Arbeit erhebt keinen Anspruch auf eine wissenschaftliche Prüfung, ist subjektiv und aus einer reflektierten, aber persönlichen Erfahrungsebene entstanden.
„Wann darf ich sein?“ ist eine Portraitserie, die den Alltag, die Wahrnehmungen und die Gefühle von weiblich gelesenen Personen in Mönchengladbach dokumentiert.
Die Stimmen der „Frauen in MG“ bilden dabei kein bloßes Abbild individueller Geschichten, sondern ein kollektives Gedächtnis, einen Erfahrungsraum, der sich öffnet.
Die Porträtierten teilen ihre Erfahrungen von Unsicherheit, Anpassungsdruck, Sexualisierung, emotionaler Arbeit, Rollenbildern und Selbstermächtigung. Und erzählen von Errungenschaften und Auseinandersetzung. Ihre Aussagen machen sichtbar, wie tief gesellschaftliche Normen Frauen beeinflussen und wie sehr sich persönliche Identität, Freiheit
und Selbstwahrnehmung in diesen Strukturen bewegen. Dieses Projekt ist aus meiner persönlichen Perspektive als Fotografin, aber auch als Frau entstanden, in Mönchengladbach.
Ich habe es nicht aus der Rolle einer Beobachterin entwickelt, nicht aus professioneller Distanz, sondern aus der Notwendigkeit, die eigene Erfahrung zu reflektieren und sichtbar zu machen. Mein Ausgangspunkt ist das Hinterfragen: Was bedeutet es für mich, Frau zu sein? Welche Rollen wurden mir zugeschrieben – und welche wähle ich für mich selbst? Die Serie beginnt mit einem Selbstporträt, das meine Vervielfachung von Identitäten zeigt, Masken, die wir täglich tragen, und Rollen aus denen wir ausbrechen wollen. Angst und Scham begleiten diesen Prozess, eng verknüpft mit Körpernormen, gesellschaftlichen Erwartungen und systemischen Geschlechtskonventionen.
Die Begegnungen fanden in den privaten Räumen statt – Orten, die Schutz versprechen und Authentizität erlauben. Diese intimen Begegnungen sind keine Interviews, sondern Austausch auf Augenhöhe, getragen von Vertrauen und Offenheit. Die Frauen teilen persönliche Geschichten über ihre Körper, ihre Gefühle, ihre Sexualität, die alltäglichen Herausforderungen von Rollenbildern und patriarchalen Strukturen sowie ihre Wege zur Selbstermächtigung. Ihre Stimmen bilden einen kollektiven Erfahrungsraum, der Männer einlädt, die Wahrnehmungen von Frauen zu verstehen, und Frauen dazu ermutigt, sich für sich selbst einzusetzen und Scham abzulegen.
Fotografisch ist die Serie aus einer sozialpsychologischen Perspektive entstanden: Der Female Gaze rückt das Subjekt ins Zentrum. Anders als der Male Gaze,
der Frauen zum Objekt macht, richtet sich mein Blick auf Innenleben, Wahrnehmung und Erfahrung. Die Bilder dokumentieren Begegnungen, die weder exotisieren noch normieren, sondern Verbindungen schaffen und Perspektiven öffnen. Dabei spiegelt meine Position als Fotografin – Teil des kollektiven Erfahrungsraums – die innere Perspektive wider: Ich bin selbst in diesem Feld von Zuschreibungen, Unsicherheit und Selbstermächtigung verortet, und meine Sichtweise ist integraler Bestandteil der Serie.
„Wann darf ich sein?“ dokumentiert somit nicht nur individuelle Geschichten, sondern auch gesellschaftliche Strukturen, die Frauen prägen. Die Portraits und Stimmen eröffnen einen Raum, in dem Erfahrungen sichtbar, diskutierbar und nachvollziehbar werden. Die Serie lädt dazu ein, empathisch zu werden, die eigenen Vorurteile und Zuschreibungen zu hinterfragen und Räume zu schaffen, in denen Menschen, insbesondere Frauen, einfach sein dürfen. Sie ist eine Einladung an alle, genauer hinzusehen und zuzuhören, um die Komplexität weiblicher Erfahrung zu verstehen und die Freiheit, die daraus erwächst, bewusst zu erkennen.
Die nachfolgenden Zitate sind im Rahmen des Projekts zusammengetragen worden und stellen einen kollektiven Erfahrungsraum dar der keiner konkreten Zuordnung der Zitate zu den Personen erfordert, vielen Dank an Nadja, Larissa, Rona, Lara, Francesca, Maxine, Jana, Johanna, Melissa, Kaja und Anja. Sie sind bewusst in persönlicher Tonalität wiedergegeben, um die Stimmen der Personen eigenständig zu Wort kommen zu lassen.
„Als Mädchen, also als junge Frau, habe ich unfassbar damit gestruggelt, eine Frau zu sein. Kein Rosa, alles, was so Chichi war, habe ich abgelehnt. Weil ich immer das Gefühl hatte, wenn ich einen Rock anziehe, dann ist das was Komisches. Als würden andere das total wahrnehmen, auch wenn ich das eigentlich schön fand. Das hat bis in meine 20er gedauert, mich dem anzunähern, dass sich das natürlich anfühlt. Keine Ahnung, wo das ursprünglich herkam. Und auch später zu entdecken, queer zu sein und auch Feminismus – das geht ja alles miteinander einher. Und als ich mich damit befasst habe, hat mir das unglaublich geholfen. Es hat mir auch gezeigt, wie scheiße eigentlich alles ist, eine weiblich gelesene Person in dieser Gesellschaft zu sein, aber hat mir weitergeholfen, mich zu finden.“
„Je älter ich werde, habe ich eigentlich keine Ahnung, wer ich bin oder wer ich sein will, und das beschäftigt mich krass. Man ist irgendwann 30 oder 35 und kommt in die Area, wo alle Häuser kaufen, Kinder kriegen. Man hat das Gefühl, die anderen wissen irgendwas, was ich nicht weiß. Da frage ich mich immer: Wie funktionieren denn andere Leute?“
„Als ich hergekommen bin, hatte ich einen Plan: Ich studiere, ich mache Karriere und gründe vielleicht eine Familie und heirate. Und irgendwann kam der Punkt, da habe ich gemerkt, das ist nicht MEIN Traum. Das ist nicht der Plan für mich. Und das hat alles durcheinandergeworfen, weil ich da stand und dachte: Wofür mache ich das alles eigentlich? Und jetzt, nach dem Bachelor - Gott sei Dank ist das vorbei – habe ich einen gut bezahlten Bürojob, in dem ich total Karriere machen könnte, und ich merke: Ich will das nicht. Das ist nicht, was ich brauche und möchte. Ich möchte etwas tun, was uns als Generation immer so nachgesagt wird: ‚Was Sinn macht‘ für einen selbst, was einem gut tut. Und da steht dann nicht, eine Familie zu gründen, sondern mit sich selbst erst einmal zufrieden zu sein. Ich will abends schlafen können und nicht in meinem Kopf sitzen und mich fragen: Was muss ich eigentlich sein? Ich möchte mich nicht verstellen, das gehört halt leider zu diesem Leben dazu, aber ich möchte das nicht. Ich will einfach ich sein können. Mein Ziel ist, dass ich glücklich bin. Ich möchte irgendwann ein kleines Haus, Unabhängigkeit und an meiner Nähmaschine sitzen. Da habe ich lange daran gearbeitet, mir diesen Wunsch auch zuzugestehen, dass ich solche Vorstellungen haben darf. Dass ich, nur weil ich Feministin bin und ablehne, dass uns vorgeschrieben wird, wie wir leben sollen, mir dennoch zugestehen kann, dass es da Aspekte
gibt, die ich trotzdem für mich haben will. Vielleicht weil ich so sozialisiert bin, wieso auch immer, aber dass das auch okay ist.“
„Diese Unsicherheit, keine Kontrolle über sein Leben zu haben und wo man hinwill, das macht mir Angst, und die Erwartungen, die es gibt. Ich habe eine liebevolle Familie, also den Teil, der noch in meinem Leben ist. Aber wenn ich dann sage: Ich möchte keine Kinder, weil ich finde, wenn ich nicht dastehe und sage ‚Ich kriege jetzt ein Kind‘, dann kriege ich keins – für mich ist das okay. Aber es kommt trotzdem eins: ‚Ich glaube, dass du später mal eine kleine NAME haben willst.‘ Das tut mir schon weh, dass das nicht reicht und nicht genug ist.
Bestimmt fände ich es schön, aber lass mich doch einfach sehen.“
„Natürlich ist der Druck für mich als Frau ein anderer als für einen Mann. Allein schon das Thema Verhütung. Ich nehme jetzt seit über zehn Jahren nicht mehr die Pille, sie hat mich völlig wahnsinnig gemacht. Ich hatte so eine Kette und habe sie entfernen lassen und wollte dann eine Spirale, aber der Gedanke an den Eingriff, ich habe ihn dann abgesagt. In meiner Beziehung ist das kein Thema. Wir hatten mal das Thema Vasektomie, aber der Gedanke war dann wieder ein bisschen viel. Aber genau das wird mit uns ja auch gemacht: Wie so
vieles als Frau wird Verhütung von unserer Seite einfach vorausgesetzt.“
„Auch das Thema emotionale Arbeit: Es wird vorausgesetzt, dass du als Frau alles in einer Beziehung im Griff hast, besonders in einer heterosexuell geprägten Beziehung. Und so verhalten sich auch die Männer meiner Meinung nach. Es wird vieles nicht in Frage gestellt. Wir versuchen immer, einen Überblick zu haben, weil wir so konditioniert sind, und dann triffst du auf Leute: ‚No thoughts, just vibes.‘ Und es wird nicht mal darüber nachgedacht: Wie geht’s der anderen Person? Wie wirke ich? Worum muss man sich so kümmern –
allein schon Selbsterhaltung. Wir Frauen, wir funktionieren. Wir sind ja auch früher reif als Jungs, aber wir sind einfach darauf konditioniert, dass man uns alleine lässt und wir uns gut umeinander kümmern, während Jungs die Freiheit haben, alles zu machen, was sie wollen. ‚Jungs sind halt anders‘ – und das ist eben Bullshit, da sind wir wieder bei binärer Denkweise. Es ist einfach irre komplex, und je mehr man sich damit auseinandersetzt, desto unzufriedener wird man, zumindest auf eine gewisse Weise. Es ist wie ein Trauerprozess: Es kommt die Wut, die Trauer, man muss das akzeptieren lernen, und das tut weh. Und dass dieser Prozess wieder von einem Teil der Gesellschaft getragen wird, ist einfach scheiße.“
„Ich habe den Aufruf ja vorher gelesen und mir so meine Gedanken gemacht. Ich glaube, das, worauf ich immer wieder zurückkomme, ist das Thema Rollenbilder. Ich arbeite ja auch mit Kindern und bekomme aktiv mit, wie früh das anfängt: Dass die Gesellschaft definiert, wie ein Junge, wie ein Mann ist, wie ein Mädchen, wie eine Frau.
Auf Jungskleidung sind oft Raubtiere abgebildet und auf Mädchenkleidung Schmetterlinge, etwas Fragiles. Wie sehr das schon, ohne dass da eine aktive Reflexion stattfinden kann, prägt und die Rolle drückt, die ja für alle Geschlechter nicht gut ist. Ich habe für mich reflektiert, was sexualisierte Gewalt angeht, gibt es einfach Dinge, die ich erlebt habe, und die Erfahrung gemacht, dass, wenn ich das mit anderen Frauen teile, fast alle Frauen solche Erfahrungen haben. Eine Freundin sagte, sie hat gerade wieder eine Erfahrung mit einem Mann gemacht, und sie war so wütend auf sich selbst, dass sie das wieder zugelassen hat. Ich habe gesagt: ‚Verständlich, dass du wütend bist, aber wir sollten halt nicht wütend auf uns, sondern wütend auf die sein.‘ Und alles führt für mich darauf zurück, wie wir Kinder erziehen, wie wir besonders Jungs erziehen.“
„Ich habe vor drei Monaten die Pille abgesetzt, und das ist für mich gerade eine total spannende Reise, ohne Hormone meinen Zyklus mitzubekommen. Ich war da vorher, glaube ich, nicht bereit für, ich musste vorher viel mit mir klären. Aber das ist ja ein Riesenteil davon, Frau zu sein: Das zu erleben, mit sich selbst aktiv zu erleben und zu merken, wie es meine Stimmung beeinflusst und ich meinen Zyklus mit 27 das erste Mal in meinem Leben bewusst mitbekomme und eingehen kann. Und das ist für mich schön, und ich merke, ich habe da in meiner Beziehung auch großen Redebedarf drüber. Ich habe mich letztens auch mit einem guten Freund ausgetauscht, einem Mann Mitte vierzig, der mir sagt: ‚Natürlich kann ich das nicht nachempfinden, aber das ist doch irre wichtig, da mit dir als Frau drüber zu sprechen und über diese Gefühle zu erfahren‘. Aber normalerweise hat das in unserer Gesellschaft keinen Platz.“
„Ich würde mir einfach voll wünschen, dass nackte Frauenkörper nicht sexualisiert werden. Und nicht nur nackte Frauenkörper, auch Frauenkörper in Dessous und normalen Klamotten. Ich glaube, dass wir als Frauen anders ernstgenommen werden, dass man nicht nur wegen eines bestimmten Kleidungsstücks denkt, dass das für Männer sei oder dass wir angesprochen oder angemacht werden wollen. Dass wir mit allen Facetten, die wir sind, ernstgenommen werden. Weil man das als Mann wird.“
„Ich war letzte Woche im Club mit meinem Freund, habe mich wohlgefühlt, hatte einen tiefen Ausschnitt an, es lief 80er/90er‐Musik, wir haben frei getanzt, es war super schön. Dann sind zwei Männer reingekommen, die sich einfach direkt vor mich gestellt haben, und ich habe gemerkt, wie sie mich anstarren, meinen Ausschnitt anstarren und sich darüber unterhalten, und merkte, wie schwer es mir fällt, das auszublenden. Weil ich das will, ich will das ausblenden, ich will weiter so einen schönen Abend haben. Und gleichzeitig denke ich auch: Was stimmt mit euch nicht? Ich bin doch offensichtlich sogar mit meinem Partner da, wir küssen uns. Auch wenn ich allein da gewesen wäre, wer gibt euch dieses Recht?“
„Ich denke darüber nach, was ich anziehe, wenn ich rausgehe. Ich denke auch darüber nach, ob ich einen BH anziehe oder nicht, je nachdem, wo ich hingehe, obwohl ich privat keine BHs mag. Ich überlege vorher: Was sind da für Menschen, wie wird das sein?“
„Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die eher aus meinem beruflichen Kontext kommen und die mich z. B. privat in Outfits gesehen haben, mir ungefragt Feedback gegeben haben, dass das nicht zusammenpasst. Dass man das nicht machen könne und meine Professionalität einschränken würde und ich nicht erwarten könne, ernstgenommen zu werden, wenn ich mich so präsentiere. Einfach grundlos.“
„Ich war auf einer Tanzveranstaltung, etwas wildere Party, offene Menschen, und es war super heiß, und die Männer haben angefangen, ihre Shirts auszuziehen, weil es im Club so heiß war auf der Tanzfläche. Ich habe getanzt und dachte: ‚Es ist wirklich unfassbar heiß hier‘ und habe den Gedanken gefasst: ‚Ich könnte mich ja auch ausziehen.‘ Und habe dann diese Stimmen in mir bemerkt: ‚Kannst du nicht machen‘ usw., weil ja nur Männer oben ohne sind und ich dann die ganze Aufmerksamkeit hätte. Dann habe ich darüber nachgedacht und genau aus diesem Grund, aus diesem Zweifelsmoment, entschieden: ‚Ich mache das jetzt‘ und habe mein Shirt ausgezogen und oben ohne weitergetanzt.
Danach kam jemand zu mir und sagte, ganz positiv gemeint: ‚Voll mutig von dir‘. Und ich habe gefragt: ‚Wieso ist das mutig?‘ Ich sage ja auch nicht: ‚Du bist mutig, weil du als Mann dein T‐Shirt ausziehst.‘ Sollte doch normal sein. Es wird als mutig empfunden, weil unsere Körper sexualisiert werden.“
„Aus meiner sozialpsychologischen Perspektive denke ich, man muss früh anfangen. Schon Kinder geschlechtssensibel zu erziehen, sich darüber Gedanken zu machen, was man da gerade vermittelt, und es muss nicht für Jungs immer blau und Trecker sein. Ich glaube, das sind Sachen, die für viele Menschen lächerlich klingen, aber da liegt der Ursprung, wo das anfängt: Dass Jungs in diese Rolle gedrängt werden. Das würde ich mir wünschen, nicht nur in Bezug auf Frauen und Frauenkörper, sondern auf alle. Für alle. Dass wir Kindern mitgeben, dass wir alle gut so sind, dass wir aufhören, uns gegenseitig zu bewerten.“
„Wenn ich auf mein Leben gucke, fallen mir so viele Situationen ein, in denen Menschen, auch Menschen, die mir nahe standen, irgendwie meinen Körper bewertet haben. Auch wenn ich jetzt erwachsen bin und lerne, eine gute Beziehung zu meinem Körper aufzubauen, hat mich das trotzdem sehr geprägt.“
„Frau sein ist für mich schon eine Herausforderung gewesen. Ich bin allein mit meiner Mutter aufgewachsen und hatte ein schwieriges Verhältnis zu ihr und lange dadurch auch ein schwieriges Verhältnis zu anderen Frauen. Ich glaube, das ist bedingt durch meine Mutter, aber auch durch das Rollenbild, welches man hat, was man in Filmen sieht, Zickenkriege. In meinem Teenageralter wollte ich weg von dieser Frauenrolle, ich fand das cooler, zu Jungs zu gehören, und habe meine weiblichen Attribute schon gesehen, aber wollte sie irgendwie
abwenden. Ich war nicht so ein Mädchen und wollte das auch nicht sein, und in den letzten Jahren fand da ein deutliches Umdenken statt, als ich das reflektiert habe: Wieso will ich eigentlich nicht sein wie alle Girls, was finde ich denn so schlimm daran? Seitdem haben sich auch meine Frauenfreundschaften deutlich verändert.“
„Ich werte mich im Vergleich mit anderen Frauen oft ab, sei es: ‚Ich bin nicht weiblich genug, ich bin nicht schön genug, ich bin nicht entspannt genug, zu laut, zu dies, zu jenes.‘ Daran arbeite ich immer noch. Schon in der Grundschule wurde oft gesagt: ‚Du bist zu laut.‘ Die anderen Mädchen wurden immer mehr gemocht, waren süßer und zugänglicher, und ich als Mensch, der auch gern aneckt, mit großer Klappe, bin immer zur Schule gefahren und dachte: ‚Heute werde ich leise sein. Heute benehme ich mich mehr girly.‘ Meine Freundinnen
haben früher mal einen Kurs mit mir gemacht, wie ich etwas weiblicher werden könnte und weniger boyish bin.“
„Was ich heute noch merke, wobei das in Gladbach nicht so stark ist, weil ich mich hier wirklich wohlfühle, ist an Männergruppen vorbeizugehen: unangenehm, Blickkontakt vermeiden, stark aussehen zu wollen, sobald ich die Haustür verlasse. Ich glaube, ich setze da auch eine Miene auf, die einfach härter ist. Auch durch Erfahrungen wie Catcalling oder andere Übergriffe bin ich bei manchen Männern echt ängstlich geworden. Das hält sich in Gladbach in Grenzen, weil ich weiß, dass mich hier viele Menschen kennen und für mich einstehen
würden.“
„Je nachdem was ich anziehe, denke ich darüber nach, welches Mittel ich dabei habe, um das zu verstecken. Also nehme ich noch eine Jacke mit, damit ich, je nachdem, wo ich bin und ob Blicke auf mir liegen, was überziehen kann. Wenn ich einen Rock anhabe und merke, wie mir Männer auf die Beine geiern - furchtbar.“
„Mein Chef ist ein Mann, ein toxischer Mann, auch wenn ich sonst im Berufskontext pädagogisch mehr mit Frauen arbeite. Er sagte letztens zu mir: ‚Ach, Kind‘ – man wird verniedlicht, nicht ernstgenommen, und ich weiß, wenn ich ein Verhandlungsgespräch mit ihm führen muss, habe ich schon mega Schiss, weil ich denke, ich muss auf jeden Fall so und so da auftreten. Ich darf nichts Weibliches zeigen und irgendwie ‚man up’ sein, um mit ihm in Kontakt zu gehen und ernstgenommen zu werden.“
„Mir wird jetzt erst klar, in der Beziehung zu meinem Partner, auch wenn das echt ein netter Mann ist, was da trotzdem an patriarchalen Strukturen vorhan‐
den ist und wie oft wir dadurch anecken. Mir wird immer bewusster, wie wichtig mir das ist, dass da ein Mann, ein Partner vor mir steht, mit dem ich das überwinden kann, der sich auch seiner Männerrolle bewusst wird. Aber das führt auch oft zu Konflikten: Als Mann bist du nicht betroffen, vieles kann man dann nicht nachvollziehen, wie das eben ist mit Privilegien. Also muss ich auch da wieder anfangen und erklären, wie das ist, und dann trage ich wieder die Verantwortung dafür. Wieder die Frau.“
„In meiner Bubble dachte ich, verändert sich viel, mega die Entwicklung. Aber auch da habe ich gemerkt, es kratzt nur an der Oberfläche. Richtig tief rein geht’s auch bei meinen männlichen Freunden nicht. Es hat eine Entwicklung stattgefunden, aber vieles nicht genug, und es ist so fest verankert. Man wird als Frau immer noch als sehr emotional abgestempelt, man kommt kaum an die Gefühle des Gegenübers, und ich bin dennoch immer wieder erschrocken, sobald ich aus meiner Bubble rausgehe, wie anders es da noch läuft.“
„Ich bin froh, dass ich heute mehr zu meiner Weiblichkeit stehe, dass ich das zulassen kann, auch Frauenfreundschaften besser zulassen kann. Was ich be‐
reue, ist, dass ich in der Vergangenheit viel Bestätigung und Aufmerksamkeit brauchte von Männern und mich dafür auch teilweise stark verstellt habe, sei es jetzt mehr boyish zu sein oder mich mehr sexy zu präsentieren oder ruhiger zu sein. Das ist heute anders, und das finde ich gut. Ich wünsche mir, dass sich Frauen sicher fühlen können, dass ich auch nicht mehr darüber nachdenken muss, wie ich rausgehe, ob ich mir ein Jäckchen mitnehme, damit mir weniger Männer auf die Beine glotzen, dass man aber auch im Kontext Beruf ernstge‐nommen wird.“
„Ich habe Männerhass, aber ich weiß ja auch, woher das kommt. Es sind großgewordene Kinder, die in einer Struktur aufgewachsen sind, die für sie ja auch nicht gut ist. Es wird immer wieder reproduziert, in den Filmen, in der Werbung, in Kinderbüchern. Ich glaube, es findet ein Wandel statt, aber eben nicht überall. Wir haben wieder mehr Hierarchien, immer mehr Männer sind wieder in Führungspositionen, Männer verdienen mehr Geld – das kann man ja unendlich fortführen – und da muss sich etwas ändern. Wir müssen uns Gehör verschaffen.“
„Ich glaube, es wäre für alle gut, wenn wir das Patriarchat endlich hinterfragen. Männer könnten viel mehr zu sich finden, zu ihren Emotionen.“
„Ich finde es total krass, wie sehr mich bereits in Deutschland Frau sein einschränkt. Obwohl ich meine Bubble habe, müssen wir das internationaler sehen. In anderen Ländern sind Frauen nur sicher, wenn der Ort ummauert und geschützt ist. Sobald man rausgeht, wird man als Freiwild gelesen. Männer laufen Frauen nach, fassen sie ungefragt an, vergewaltigen. Das hat mich auch nochmal umdenken lassen. Meine Oma in Afghanistan hat früher einen kurzen Rock getragen – ist nicht mehr. Rückschritte passieren ständig, Rechte muss man sich immer wieder erkämpfen.“
„Ich finde es erstaunlich, wie relevant Kleidung und Erscheinung für Frauen ist, bewusst oder unbewusst. Auch wenn man sich zuhause keine Gedanken darüber macht, sobald man die Haustür verlässt, ändert sich das. Kann ich das jetzt anziehen, um beim Bewerbungsgespräch ernstgenommen zu werden, um bei der Arbeit generell ernstgenommen zu werden, um beim Feiern nicht belästigt zu werden, um beim Einkaufen nicht belästigt zu werden? Selbst da passiert das ja, beim Bahnfahren.“
„Ich habe schon gemerkt, vor dem Hintergrund, mit zwei kleinen Brüdern aufgewachsen zu sein, mich schon angepasst zu haben: viel oversized, keine kurzen Hosen, weitere Sachen, die alles bedecken. Genau dasselbe mit bunten Farben: Am Ende habe ich lange Zeit zu Schwarz gegriffen, gedeckte Farben, und das hängt auch mit Vermeidungsstrategien in sämtliche Richtungen zusammen, Kommentare vermeiden. Sei es ein ‚Du kannst das doch so nicht anziehen, dann nimmt dich doch keiner ernst.‘ Sei es ungewollte Körperbewertung,
Catcalling oder Pfeifen – das sind alles Gedanken, die man sich morgens vorm Spiegel schon macht. Zum einen muss ich mich fragen, was ICH anziehen will, aber ich muss es auch immer filtern, damit es ein erträglicher Tag wird, einer, an dem ich ins Bett gehen kann und denke: ‚Easy, Kleidung war heute kein Problem.‘“
„Ich trage auf dem Bild ein Outfit, in dem ich mich super wohlfühle, sonst hätte ich es nicht gekauft. Ich habe es aufeinander abgestimmt, mich gefreut, es im Laden zu sehen, anzuprobieren, und in der Umkleidekabine und zuhause fühle ich mich total wohl darin, aber nicht draußen, egal zu welcher Tageszeit.“
„Ich habe eine Zeit lang in der Innenstadt gewohnt und mir sehr schnell abgewöhnt, in der Innenstadt Blickkontakt einzugehen. Ich habe sehr schnell gemerkt, wenn ich einfach auf den Boden schaue, was ja sehr unterwürfig ist eigentlich, aber es bleibt mir dann einfach erspart. Wenn ich nicht auffalle, wenn ich mich unauffällig kleide, auf den Boden schaue und sich dann niemand angesprochen fühlt mit einem Ziel vor Augen, dann geht es. Aber ansonsten wird man immer angesprochen oder unangenehm angeschaut. Ohne das werten zu
wollen, habe ich es glaube ich gut: Ich habe keine blonden Haare – ich unterliege wenig weiblichen Stereotypen, aber ich will mir nicht vorstellen, wie oft es dann sonst erst vorkäme.“
„Wenn du zum Beispiel kein Make‐up benutzt, heißt es, du machst ja gar nichts aus dir. Wenn du es tust, heißt es, du seist zu aufgetakelt. Kommentare wie ‚Dann will ich erst gar nicht sehen, wie du ungeschminkt aussiehst‘, auch wenn man abweisend auf Catcalling reagiert, wird einem auch sofort etwas nachgerufen, wie ‚Warst eh hässlich.‘“
„Ich musste erst lesen lernen, dass ich eine Frau bin. Mein Papa war sehr präsent, was ja total positiv ist, aber dadurch und durch meine beiden Brüder habe ich hauptsächlich Jungs und Männer um mich herum gehabt und die Erfahrung gemacht, dass ich dann Blau trage, obwohl ich vielleicht lieber Rosa getragen hätte. Es wurde mir irgendwie ein bisschen abgesprochen. Weil die Kleidung dann noch von meinen Brüdern aufgetragen werden konnte aus finanziellen Gründen, aber meine Brüder hätten ja auch Rosa tragen können. Rosa war lange die Lieblingsfarbe eines meiner Brüder, aber das wurde ihm auch abgesprochen. Diese Rollen treffen eben einfach nicht zu. Ich habe dadurch lange gedacht: ‚Ach, die ist aber aufgetakelt, die ist aber arrogant, die hat aber künstliche Nägel‘. Also auch ich habe so reagiert in Bezug auf andere Frauen. Ich glaube, es ist von der Gesellschaft so vorgesehen im Patriarchat, uns so ein bisschen gegeneinander auszuspielen. ‚Zicke‘ zum Beispiel ist ein Wort, das ich absolut nicht mehr hören kann, nur weil man seine Meinung gesagt hat. Wieso bin ich eine Zicke und mein Bruder oder mein Kumpel ein echter Kerl, der haut dann mal auf den Tisch? Bei uns ist es dann ein: ‚Sie ist aber heute hysterisch oder emotional‘. Und das alles, bevor man seine Periode und reale hormonelle Schwankungen erlebt.“
„Ich habe mich auch erst seit kurzem so richtig zu mir gefunden. Meine Wohnung zum Beispiel ist jetzt bunt. Ursprünglich dachte ich, sie wird grau, gedeckte Farben, und dann dachte ich: Nein, das ist mein Zuhause. Und genauso ist das auch mit allem anderen, und tatsächlich habe ich dafür erst eine gute Freundin gebraucht, die genau das Gegenteil ist. Sie ist in einem Haushalt aufgewachsen, in dem der Vater nicht die vorrangige Rolle eingenommen hat, und dementsprechend ist sie mit einer viel innigeren Aura aufgewachsen. Ich kannte dieses ‚Sisterhood‘‐Ding vorher nicht so, mein Umfeld war ganz anders geprägt. Sie war da wirklich eine Schlüsselfigur, dieses Miteinander unter Frauen richtig spüren zu lernen. Offen über Periode zu sprechen, über Hormone, über Zyklus. Und da habe ich mich gesehen, gefühlt, und mich dann auch aktiv damit auseinandergesetzt und Dinge runtergespielt. Ich konnte übergriffiges Verhalten früher gar nicht richtig einordnen, es war so ein ‚Ja, es sind halt Männer‘. Ich musste da erst den Bogen spannen, dass da Unterschiede gemacht werden strukturell.“
„Feminismus finde ich wichtig, weil wir genauso Menschen sind. Ich denke, für Männer hätte es die gleichen Benefits. Allein in Partnerschaften, sowas wie: Der Mann sagt etwas wie ‚die Alte‘ und regt sich bei seinen Freunden über seine Partnerin auf – es sind abfällige Kommentare. ‚Du hast ja keine Frau, sondern du bist mit einer Frau verheiratet.‘ Ich finde, das sind verschiedene Dinge: Ob man eine Frau hat oder mit einer Frau verheiratet ist. Das eine klingt nach Haustier oder Accessoire, Objekt – aber wie ist denn das Verhältnis? Hat die Frau auch dich? Und ich glaube, da brauchen wir Feminismus, um das lesen zu lernen. Wir sind Individuen, alle Menschen, und jeder hat ein Leben. Und wenn wir uns jetzt diese veralteten Rollenbilder anschauen, wo der Mann der Alleinverdiener war – das ist einfach alles nicht mehr so. Wir brauchen einander, um eine Familie oder einen gemeinsamen Haushalt zu finanzieren. Das funktioniert eben nur mit Feminismus und Aktivismus, weil wir doch in gleichberechtigte Rollen schlüpfen MÜSSEN. Es geht einfach nicht anders. Niemand kann alleine Kinder aufziehen und gleichzeitig noch arbeiten gehen und den ganzen Mental Load alleine tragen. Das wird meistens auf den Frauen ausgetragen.“
„Ich glaube, es hat sich zumindest in meiner Bubble oder in meinem Leben viel getan, die Männer in meinem Umfeld begreifen das zum Glück. Es geht ja beim Feminismus nicht darum, dass Frauen besser wären als Männer. Schaut man auf Social Media, ist unter jedem feministischen Beitrag ein ‚Männerhasser‘‐Kommentar, aber darum geht es ja nicht. Man hasst ja nicht automatisch Männer, es geht um die Strukturen und nicht um die Menschen dahinter. Es geht doch nur darum, dass man mal auf ein Level kommt. Dass einer Frau keine Position verwehrt bleibt, weil sie ja schwanger werden könnte. Diese versteckten Vorurteile und Rollenbilder, die immer noch da sind und davon abhalten, dahin zu kommen, wohin man will. Und das geht nur, wenn man stark für sich einsteht und Gleichgesinnte findet – aber es ist ein Weg bis dahin.“
„Jungen Frauen wünsche ich die Einsicht, dass es nicht hysterisch oder falsch ist, für sich selbst einzustehen und das zu tun, worauf man Bock hat. Sei es Karriere oder in allen anderen Feldern. Man darf sich zur Wehr setzen, und auch wenn man dann noch als Zicke oder ähnliches dargestellt wird, muss man lernen, da drüber zu stehen. Es ist nicht der eigene Fehler, sondern der des Gegenübers. Man hält sich viel zu oft klein.“
„Ich finde, man kann das Thema Frau‐Sein in viele Bereiche aufbrechen. Bei mir ist Körper ein krasses Thema gewesen, aber generell finde ich, so mit 28 jetzt, in welchen Strukturen stecke ich eigentlich. Das war mir vorher so nicht bewusst. Ich hatte gefühlt lange weniger Probleme, weil ich immer beides gemacht hab und anders großgeworden bin mit meinen Brüdern. Ich hab mit Bionicles gespielt und mit Barbie. Aber irgendwie war ich nach außen dadurch auch weniger girly girl. Ich hab mich lange deshalb befreit gefühlt. Heute würde
man da vermutlich pick me girl zu sagen, aber je älter ich werde, geht das Thema Weiblichkeit weiter weg von: Wie will ich sein, welche Frauenarten gibt es? Die Gechillte, die Liebevolle, die Harmonische, die nie Stress hat, easygoing Frau wollte ich sein. Ich bin nicht eine von denen, mäßig, und jetzt bricht das eher in die andere Richtung. Ich möchte mich nicht mehr irgendwo eindrücken, sondern untersuche mit mir selbst, was eigentlich meine Weiblichkeit ist. Wer bin ich als Frau und was bedeutet das eigentlich für mich.“
„FAMILIE KANN MAN SICH (NOCH) AUSSUCHEN“
„Ich habe eine Zeit lang gesagt: ‚Ja, ach, ich fühl mich als Frau, bei mir ist alles gut, super‘. Was heißt das dann eigentlich? Mir wird in letzter Zeit sehr bewusst, wie sehr ich mich doch in diesen Strukturen bewegt habe und es auch immer noch tue. Das wird auch noch lange dauern, aber ich finde es sehr befreiend, das so abzuschälen von mir. Gerade in Bezug auf Männer, aber auch: Worin so mein Lebenssinn liegt. Und das find ich irgendwie am wichtigsten.“
„Wir sind noch die Generation, die beides kennt – diese festen Rollenbilder und einen ganz anderen Zugang dazu – und ich frag mich: Wie ist das jetzt, aufzuwachsen? Ich arbeite an einer Schule mit einem hohen sozialen Index, heißt, die meisten kommen nicht aus privilegierten Verhältnissen. Ich glaube, an anderen Schulen hast du mehr Möglichkeiten, diese Rollenbilder zu hinterfragen, aber ich seh schon bei mir, wie früh das anfängt, und würde da gern dazwischen springen. Ich weiß, was das für ein Kampf ist. Ich wünsche mir für alle, dass man sich frei machen kann von diesem ‚Wie muss ich sein?‘ hin zu einem „Wie möchte ich sein?“
„Ich finde, in unserer Bubble bekommt man total viel von diesen Themen mit, aber mir ist erst im letzten Jahr richtig aufgefallen, wie wenig ich selbst trotzdem davon aktiv aufgenommen hab und wie oft ich vielleicht auch irgendwas geteilt habe, ohne das richtig zu verstehen und mich damit zu beschäftigen. Ich würde mir wünschen… .“
„Ich habe ein großes Problem damit, mir Raum auf dieser Welt zu nehmen, deswegen wollte ich, glaube ich, immer wenig sein. Ohne dass jemand danach gefragt hat. Ich glaube, ich bin auf die Welt gekommen mit dem Gefühl, mich zurücknehmen zu müssen, damit es gut läuft. Und ich find es so schwierig, daran zu arbeiten, sich zu erlauben, Raum einzunehmen. Jetzt nicht mit Spotlight und ‚Hey, hier bin ich‘, sondern einfach mit seinem Dasein. Ich würde dieses Top, was ich grad anhabe, z. B. draußen nicht anziehen. Ich würd’s vielleicht
nochmal versuchen, aber ich habe Angst, damit Raum einzunehmen. Das macht mir so eine Angst, jemand zu sein, der beobachtet wird, überhaupt ein Objekt der Begutachtung zu sein, und das merke ich so krass. Wie schwer dieses Gewicht all dieser Gefühle war. Was man vielleicht schon ein bisschen gefühlt hat, als man 13 oder so war. Was man nicht definieren konnte. Deshalb finde ich das unheimlich befreiend, mich damit auseinanderzusetzen. Zu lernen, so ganz langsam mir den Raum zu nehmen. Dass das okay ist, da zu tanzen, wo ich tanze, so rauszugehen, wie ich bin, ohne dass ich das Gefühl haben muss, ich werde dieses Objekt. Ich komme in einen Kreis mit einem anderen Menschen rein, nur weil ich so aussehe oder da bin. Damit beschäftige ich mich viel. Ich glaube, da stellen sich generell für Frauen ganz viele Fragen. Mehr als bei Männern, da auch total viel, aber eben nochmal anders.“
„Ich hasse niemanden dafür, dass er ein Mann ist, ich hasse wirklich diese Struktur. Die Sozialisierung. Man hasst das, wie der Mann aufgewachsen ist, womit er vielleicht in den früheren Rollenbildern konfrontiert wurde, diese Ansichten. Ich finde dann natürlich jemanden blöd, wenn er Quatsch erzählt oder sich sehr patriarchal geprägt verhält, aber ich weiß eben auch, woher das kommt. Ich glaube, es ist verdammt schwierig, Menschen zu überzeugen, ich hab das Gefühl, wenn ich einem Mann das als Frau erkläre, ist das sehr schwer
für ihn. Aber ich glaube, das sollte zustehen und müsste sich öffnen. Dieses Verständnis dafür: Wieso nennt man sich z. B. Feministin oder wieso sind diese Themen wichtig? Ich glaube, es ist noch lange nicht allen klar, dass es einen Unterschied macht, wenn man rausgeht und eine Frau ist. Und diese Privilegien, die Männer haben, erschweren eben auch enorm den Zugang zu den strukturellen Erfahrungen, die wir machen. Weil Männer das eben nicht erleben.“
„Ich kann jetzt sagen Gender Pay Gap z.B., aber das beginnt ja schon im Alltag. Das beginnt in der Freundesgruppe. Ich bemerke das daran, wie Männer sprechen können, wie männliche Freunde von mir sprechen können, was ich mich nicht mal trauen würde. So Urteile zu fällen, weil man Männern oft mehr glaubt. Ein Mann wird mehr gehört.“
„Ich hatte letztens einen Rock an und hab mir Stiefel gekauft. Und bin rausgegangen und hab mich so unwohl gefühlt, weil ich ja sehe, wie ich angeguckt werde, und irgendwann wollte ich nicht mehr. Es war ja nichts Besonderes, und ich denk mir: Was willst du sehen? Diese Gedanken müssen sich alle Frauen machen, und diese Gedanken haben weniger oder gar nicht.“
„Ich glaube, dass in unserer Gesellschaft Anpassungsfähigkeit eine Fähigkeit ist, die uns anerzogen wird. Auch ich muss den Kindern in der Schule Anpassungsfähigkeit anerziehen. Da musst du dich so verhalten. Mir war aber lange nicht bewusst, wie sehr das auch in mir selbst steckt. Und das in Bereichen, wo das gar nicht so sein sollte.“
„Ich will das nicht für mein Leben. Ich will mir nicht reinpressen lassen, wie ich zu sein habe, und ich hab lange gedacht, ich bin richtig stark, weil ich so16 Jara Reker
anpassungsfähig bin. Ich kann mich in jede Ritze im Bücherregal noch eindrücken, ich krieg das irgendwie hin. Das hat mir … – und ehrlich, es gibt mir bis
heute immer noch oft ein gutes Gefühl. Weil ich denke dann: Ich weiß, wie ich mich hier zu verhalten habe, ich kriege das hin. Ich reiß das jetzt hier.“
„Ich glaube, wir Frauen tragen irgendwie mehr, irgendeine andere Form von Gewicht. Es ist auch ein Gewicht, sich zu überlegen, ob man so rausgehen kann, kann ich dahin gehen. Mir war das lange nicht bewusst, ich hab lange angepasst gelebt. Und was erlaubt war, das hat man dann gemacht und sich irgendwie krass gefühlt. Anfang 20 oder so. Aber ich glaube, man lebt lange ein Leben in diesen Strukturen und irgendwann bricht das ein bisschen. Und es ist gut, dass es bricht.“
„Ich will das nicht mehr für mein Leben haben, ich will nicht mehr so abhängig sein von Männern, ich will nicht mehr so viel in Angst leben, ich will mir das erlauben, Raum zu nehmen. Ich weiß, dass ich das in manchen Bereichen nicht machen kann, ich werd´ nicht um vier Uhr nachts allein durch eine Gasse gehen und mich gut fühlen, wenn ich einen Rock anhabe – auch nicht, wenn ich einen Pullover anhabe. Aber mir so viel Raum nehmen zu können, dass ich mich mal ausgeatmet fühle und nicht so gehalten. Ich fühle mich ganz oft gehalten, in
jeglichen Situationen, und ich glaube, das hat was damit zu tun, dass wir so überangepasst sind. Diese Spannung, die man manchmal fühlt.“
„Ich hab gemerkt – seid einfach nett zueinander.“
„Als Frau in Gladbach fühl ich mich sicher. Mir ist hier noch nie was passiert, das wirklich unnormal übergriffig gewesen wäre. Also keine sexuelle Gewalt.
Traurig, dass man das so dazu sagen muss. Alles andere dürfte auch nicht passieren, aber im Großen und Ganzen fühl ich mich hier safe und wohl. Das liegt aber auch an unserer Bubble, ich find, wir haben hier nicht mehr diese Vergleicherei. Jede macht hier so ihr Ding und wir sind alle zusammen trotzdem. Ich find, das machen wir hier sehr gut.“
Liebe Jara,
Du hast mich gefragt ob ich ein paar Zeilen über mich schreiben könnte. Darüber wie ich mich in dieser Welt bewege.
Der Anfang ist immer der schwierigste Teil für mich. Ich kann nicht immer sagen, wo etwas seinen Anfang genommen hat. Und hinzu kommt, dass ich sofort Verbindungen zu so vielen Bereichen knüpfe, dass ich manchmal das eine nicht mehr vom anderen unterscheiden kann.
Und vielleicht bin ich damit schon mittendrin. Ich erlebe Welt nicht als von mir getrennt. Ich bin in Resonanz. Und ich bin auf der Suche nach dem, was ich ICH nenne.
In meiner Vorstellung gibt es einen unveränderlichen Persönlichkeitskern. Der ist nicht von Zeit und Raum abhängig. Der hat kein Alter. Und es gibt Schichten (Geschichten), die diesen Kern umhüllen. Das sind teilweise Geschichten meiner Eltern und ihrer Eltern und deren Eltern ..., die sich in mein Sein hinein geschmuggelt haben. Die tauchen dann als Glaubenssätze und Sichtweisen auf, die ich manchmal verwundert betrachte. Das sind Teile meiner eigenen Lebensgeschichte. Zum Beispiel Bestimmungen, die ich als Kind nicht hinterfragt habe und einfach angenommen habe. Du kennst das mit der Sozialisation und der Epigenetik.
Entscheidend ist ja, was ich jetzt damit mache. Und das ist sehr verknüpft mit einem meiner Werte – vielleicht sogar dem wichtigsten: OWNERSHIP. Ich finde keine treffende deutsche Übersetzung dafür. Ownership ist ein leibliches Phänomen. Ich bin völlig von der Absicht durchdrungen, sie zu erreichen. Und vielleicht ist es auch die Ahnung davon, dass, wenn ich sie erreiche, ich ganz bin. Nicht im Sinne des Gegenteils von kaputt. Sondern als: Das bin ich. In meiner Essenz. Voll und ganz. Das ist zum Beispiel auch der Grund warum ich meine
Arbeit an der Schnittstelle von Kunst und Sexualität und damit einhergehend die Erkundung von BDSM und Fetisch nicht verheimliche. Selbst als ich noch aktiv im Schuldienst war, habe ich alles unter meinem Klarnamen veröffentlicht.
Das gehört zu mir. Ich will mich nicht in Fragmenten zeigen. Sondern in all meinen Facetten. Und mit jedem Bild, das ich mir von mir mache, komme ich mir im Loslassen des Bildes näher. Also, mir diesem Kern. Ich könnte noch so viel darüber erzählen …, denn so wie ich nicht weiß, wo der Anfang ist, weiß ich auch nicht, wo das Ende ist. Oder WIE es sein wird.
Küsschens
Anja
